Sündenfalle

Wut wird oft versteckt

Wut ist das Stiefkind unter den Gefühlen. Sie ist eine der sieben Todsünden und gilt als rohe, unbeherrschte, verwerfliche Emotion. "Ich bin sauer, stinkig, sickig, angefressen" usw. - schon wie wir im Alltag unserer Wut Ausdruck verleihen klingt meist irgendwie abstoßend. 


Wenn Menschen sich ausdrücklich mit Wut beschäftigen, dann meist, wenn sie Wege suchen die Wut im Zaum zu halten - oder anderen Menschen Wege aufzeigen, sie im Zaum zu halten. Meist geht es also darum, Wut zu vermeiden, sie schnellstmöglich wieder loszuwerden oder irgendwie zu verstecken. Wut geschieht oft im Stillen, wird geschluckt oder zwischen zusammengebissenen Kiefern zu zermalmen versucht. Oft kommt sie in Folge dieser Unterdrückungsversuche am Ende um so blinder, lauter und destruktiver daher.

 

Da Menschen nichts ohne (subjektiven) Sinn und Grund tun, hat auch das Bestreben Wut zu vermeiden seine durchaus sinnigen Hintergründe. Wut wird oftmals begleitet von schlechter Stimmung, verleitet manchmal zu impulsiven Reaktionen, die einem später leid tun und die schlimmstenfalls mit Risiken für die eigene Unversehrtheit und die Unversehrtheit anderer Menschen einhergehen. Somit gilt als zivilisiert, wer es besonders gut versteht, Wut und Ärger zu unterdrücken oder zu verstecken. Wut zeigt man nicht, über Wut spricht man nicht. 

 

Wut gilt als verwerflich

Wie alle Versuche ein Gefühl willentlich zu vermeiden, geht dies in aller Regel früher oder später in mehr oder weniger deutlichem Maße nach hinten los (ergänzende Artikel: Jenseits von Gut und BöseRadikale AkzeptanzTauziehen mit dem Monster).

Dass wir Gefühle jedoch eben nicht ohne Weiteres vermeiden können, hat ebenfalls seinen Sinn. Allerdings keinen subjektiven, sondern einen naturgegebenen. Alle Grundemotionen - zu denen auch Wut und Ärger gehören - existieren, weil sie eine Funktion für den Menschen haben. Auch Wut hat eine solche Funktion. Wut warnt vor Schwierigkeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen und hilft - wenn sie geäußert und kritisch reflektiert wird - diese zu überwinden. Wut ist eine Art universelles Alarmsignal in sozialen Situationen, das dringend darauf hinweist, dass eine Situation aufgelöst oder in irgendeiner Weise verändert werden muss. Wut kann motivieren und Energien bereitstellen, die uns helfen Hemmnisse zu überwinden und Ziele zu erreichen. Wut als Reaktion auf einen Schicksalsschlag führt eher zu problemlöseorientierten  Bewältigungsversuchen als zum Beispiel Traurigkeit oder Angst - die aber wiederum auch ihre Funktionen haben! 

 

Die hilfreiche und sinnvolle Funktion von Gefühlen tritt allerdings nur dann zutage, wenn Menschen einen achtsamen Zugang zu ihren Gefühlen haben. Achtsamkeit bezeichnet die grundsätzliche innere Haltung, allem was geschieht aufmerksam, offen, neugierig und akzeptierend zu begegnen, ohne es zu werten. Sich in Achtsamkeit zu üben bedeutet völlig im gegenwärtigen Augenblick zu sein und ihn mit allen Sinnen wahrzunehmen - jenseits von erlernten Wertungen und Vermeidungsversuchen. 


Wenn Sie wütend sind, nehmen Sie sich Zeit und achten Sie auf das Gefühl. Was passiert in ihrem Körper? Verändern sich vielleicht die Atmung oder der Herzschlag, vielleicht das Wärmeempfinden? Erleben Sie Ihre Wut, begegnen Sie ihr.

Das Wort Emotion leitet sich aus dem Lateinischen her von ex ('heraus') und motio ('Bewegung'). Wenn Sie achtsam ihren Gefühlen begegnen, werden Sie höchstwahrscheinlich die Erfahrung machen, dass sie nicht starr sind oder wie oftmals befürchtet nie vergehen und sich ins Unerträgliche steigern, wenn man sie nicht "abzustellen" versucht. Was tatsächlich passiert ist, dass Emotionen sich bewegen, in Wellen verlaufen, kommen und gehen, nach einer Weile ohne Ihr Zutun abebben.  

 

Der achtsame Umgang mit Gefühlen ermöglicht ein gesundes Erleben von Gefühlen jenseits von Unterdrückung und Verdrängung - Umgangsweisen, die eher krank machen als dass sie hilfreich sind. Im Nachklang haben Sie die Möglichkeit zu ergründen, was Sie wütend gemacht hat und wie Sie den zugrundeliegenden Konflikt (mit anderen Menschen oder mit sich selbst) lösen können. Häufig steckt hinter Wut ein Bedürfnis, welches durch bestimmte Umstände, das Verhalten anderer Menschen oder eigene Hemmnisse nicht erfüllt wurde. Mehr zu Bedürfnissen, Wegen sie kennen, wahrnehmen und angemessen äußern zu lernen im nächsten Blogartikel. 

 

 

Meldungen über neue Blog-Artikel regelmäßig erhalten via facebook (der "gefällt mir Button") und twitter (der "follow" Button).

Kommentar schreiben

Kommentare: 0