Jenseits von gut und böse

Meditation als Medizin

Meditation als spirituelle Übung zielt ab auf das bewusste Sein im Hier und Jetzt. Ein meditativer Zustand bedeutet eine Schärfung des Erlebens dessen, was im gegebenen Moment anwesend ist bzw. geschieht.

 

Meditation versetzt das Gehirn in einen Zustand von Konzentration und Aufmerksamkeit, der weit intensiver ist als der aktive Wachzustand. Dieses Phänomen ist messbar mittels der Elektroenzephalographie (EEG). Im EEG zeigen sich während der Meditation bestimmte Wellen stärker und umfassender synchronisiert als im Wachzustand. Dieser gewissermaßen geschärfte Geisteszustand geht auch mit einer erhöhten neuronalen Aktivität im orbitofrontalen Kortex einher, einem Hirnareal das wichtig für die Regulation von Emotionen ist. 


Therapeutisch abgewandelte Ansätze der Meditation (z.B. die Mindfulness Based Cognitive Therapy) erweisen sich als effektiv in der Bewältigung von Störungen der psychischen Gesundheit wie zum Beispiel Depressivität, Angst und übermäßige stressbedingte Erschöpfung sowie chronischem körperlichen Schmerz. Zum Teil beruht die Wirkung auf einer Linderung  der Symptome selbst, zum Teil auf der Reduktion des Leidens, das sie verursachen. Auf diese Weise können auch schwere körperliche Erkrankungen durch die Behandlung begleitende Meditationsübungen positiv beeinflusst werden. Durch die positive Wirkung der Meditation auf die Stressreaktion des Organismus wird das Immunsystem gestärkt.

An der Universität Chicago konnte an Brustkrebspatientinnen gezeigt werden, dass die Durchführung von Achtsamkeitsmeditation nach dem operativen Eingriff die geschwächte Aktivität von Zellen des Immunsystems zu regenerieren vermag. 


Der Mönch Yuttadhammo spielt mit dem Wortstamm des Begriffs Meditation, bringt ihn in Zusammenhang mit dem ähnlichen Begriff Medikation: Letztere heile Krankheiten des Körpers, Erstere heile Krankheiten der Seele. Sehen Sie bei Interesse hier seine verständige und verständliche Einführung in die buddhistische Meditation (in Englisch).


Meditation zielt im Kern nicht auf die Beseitigung von etwas ab, ganz im Gegenteil. Der Meditierende lernt wahrzunehmen was da ist ohne es zu werten. Um zu verdeutlichen, was gemeint ist, könnte man sagen, er lernt wahrzunehmen was da ist, sei es gut oder schlecht. Diese Beschreibung würde die Grundlage der Meditation jedoch verkennen: in der achtsamen Wahrnehmung gibt es nur Existenz, nur Zugegensein, keine Wertung - und damit auch kein Gut oder Schlecht. In der Meditation wird jedes Gefühl, jeder Gedanke, jede körperliche Empfindung, jeder sinnnliche Eindruck, jegliche Erfahrung und jegliches Erleben wahrgenommen als genau das: Erfahrung und Erleben. Es wird nichts hinzugegeben oder reduziert, indem eine Wertung vorgenommen wird. Die Realität und das Sein werden schlichtweg erlebt. Ohne sie stoppen, voranzutreiben oder ändern zu wollen.


Insbesondere lange andauernde oder immer wiederkehrende seelische Probleme basieren häufig darauf, dass Betroffene alles Erdenkliche versuchen, die damit verbundenen negativen Emotionen und Gedanken loszuwerden: Ablenkung, Unterdrückung, Vermeidung, Betäubung. Die Versuche, beängstigende oder unangenehme Gefühle, Gedanken und Verhaltensweisen loszuwerden, werden häufig mit ungeheurem Aufwand und schier unermüdlicher Intensität betrieben. Betroffene unternehmen enorme Anstrengungen, um die unangenehmen Erlebnisweisen abzuschalten. Nicht selten glauben sie, dass sie sich nur noch mehr anstrengen müssen, um die Belastung endlich vollständig loszuwerden, dass sie bisher noch nicht "genug geleistet" haben. Sie verstärken ihr Bemühen dann, indem sie "mehr vom Selben" tun, auch wenn dieses Selbe möglicherweise immer ein Schritt weiter in die falsche Richtung führt - wobei falsch hier meint, dass es die Person von der Erreichung der für sie wichtigen und wertvollen Lebensziele entfernt.

 

Bildlich kann man sich diesen falschen Weg etwa so vorstellen, als versuche man, mit einem Schraubenzieher eine Nagel in die Wand zu schlagen - man benutzt schlichtweg das ungeeignete Werkzeug für den Zweck, den man verfolgt. Eine andere hilfreiche Metapher ist die vom Treibsand: wenn man in Treibsand gerät und beginnt wild mit Armen und Beinen zu rudern, zieht es einen immer tiefer in den Sand hinein. Je größer die Anstrengung, ihm zu entkommen, umso unerbittlicher zieht der Treibsand uns in sich hinein. Breiten wir uns aber ganz weit aus, legen uns flach hin, strecken Arme und Beine weit von uns, vergrößern wir sozusagen die Angriffsfläche maximal, hat der Treibsand keine Chance uns zu schlucken, wir gehen nicht unter! 

 

Ein therapeutischer Ansatz, der sich diesem Problem widmet, die zunächst paradoxe These vertritt, dass unangenehme Zustände umso intensiver und hartnäckiger erlebt werden, je mehr man gegen sie unternimmt, ist die Akzeptanz Commitment Therapie, deren Kernannahme derjenigen meditativer Ansätze sehr ähnlich ist: um etwas loslassen zu können, müssen wir es annehmen. Die Akzeptanz- und Commitmenttherapie ermutigt und unterstützt uns wie auch die Meditationslehre darin, eine Bereitschaft und Offenheit zu entwickeln, das Unangenehme, Leidvolle, Schwere oder Beängstigende genauso zu voll zu erleben, wie das Leichte, Angenehme, Erfreuliche im Leben. Händeschütteln mit dem Monster statt Tauziehen mit dem Monster

 

Meditation und Akzeptanz Commitment Therapie sind wertvolle Bausteine einer zeitgemäßen, auf neurobiologischen Befunden basierenden Psychotherapie, in ihrer Grundidee und Wirkung allerdings mindestens ebenso nützliche Werkzeuge in der täglichen Pflege der seelischen Gesundheit. 

 

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