Unternehmenskultur statt Kultur des Nehmens

 

Moderne Betriebliche Gesundheitsförderung setzt an zwei Stellen an. Zum einen werden Mitarbeiter zur Selbstfürsorge angehalten, indem sie Grenzen setzen und Nein sagen lernen und in Eigeninitiative für ausreichend Regeneration, gesundheitsförderlichen Lebensstil und ein ausgewogenes Privatleben sorgen sollen. Zum anderen sind die Unternehmen gefragt, die eine wertschätzende und gesundheitsförderliche Unternehmenskultur schaffen, genügend Arbeitskräfte einstellen, ihre Mitarbeiter ausreichend fortbilden und realistische Ziele vorgeben sollen (zu dieser Konzeption der Prophylaxe von Burnout und anderen stressbedingten Syndromen, siehe auch den Blog-Artikel "Vom Rampenlicht ins Sezierlicht").

 

Letzteres ist leider eine von der Realität in vielen deutschen Unternehmen noch weit entfernte Wunschvorstellung. Die "Vereinbarkeit von Familie und Beruf" und die "Förderung der Work-Life-Balance" bleiben zu oft Lippenbekenntnisse, allein um die Attraktivität des Unternehmens nach außen zu steigern.

Diesen Missstand untermauert eine aktuelle Studie des gemeinsamen Projekts Gesundheitsmonitor der Berthelsmann-Stiftung und der BARMER GEK, deren Ergebnisse vor einigen Tagen publik wurden.

Für die Studie wurden ca. 1000 Erwerbstätige befragt. Hier gibt fast jeder Vierte an, über lange Strecken in einem Tempo zu arbeiten, das er langfristig unmöglich aufrechterhalten könne. 18% der Befragten berichten, regelmäßig über ihre Leistungsgrenze zu gehen, 23% geben an, um dem hohen Load Herr zu werden auf Pausen zu verzichten, und jeder achte Befragte berichtet, auch bei Krankheit zur Arbeit zu gehen, um nicht ins Hintertreffen zu geraten. Qualitäts- und Sicherheitsstandards werden von einer beträchtlichen Anzahl der Befragten unterlaufen, um unrealistisch gestiegene Leistungsvorgaben erreichen zu können. Außerdem wird ein hohes Maß an Konsum gesundheitsschädigender Substanzen wie Nikotin und mutmaßlich leistungssteigernder Medikamente angegeben. Auch das Konsumverhalten scheint begründet in dem Versuch, übermäßig hoch gesteckte Arbeitsziele zu erreichen.

  

Stressbedingte Erschöpfung

Durch strukturelle Probleme wie unrealistisch hohe Ziele und Leistungsvorgaben, werden die persönlichen Möglichkeiten der Mitarbeiter, auf sich zu achten und sich selbst vor stressbedingten Erkrankungen - und damit vor Leistungseinbußen bis hin zur längerfristigen Arbeitsunfähigkeit oder gar Erwerbsunfähigkeit - zu schützen, nahezu ausgehebelt. Nur auf dem Boden einer gesundheitsförderlichen Unternehmenskultur und der entsprechenden Fürsorge seitens des Unternehmens, kann der Mitarbeiter selbst auch für sich sorgen und seine psychische wie auch physische Gesundheit langfristig erhalten. Denn, nur "Das Management kann die Leistungskultur maßgeblich beeinflussen und durch realistische Arbeitsziele ein gesünderes Arbeitsumfeld schaffen", so Dr. Brigitte Mohn, Vorstand der Bertelsmann Stiftung.  

 

Auch Dr. Christoph Straub, der Vorstandsvorsitzender der BARMER GEK, plädiert entschieden für strukturelle Veränderungen zur effektiven Prävention stressbedingter Gesundheitsrisiken – und damit auch zur nachhaltigen Förderung unternehmerischer Ziele: "Wir brauchen in Unternehmen eine Kultur, die Gesundheit als Voraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg anerkennt und fördert".

 

Sind diese Voraussetzungen gegeben, kann der Mitarbeiter selbstverantwortlich für sich und seine Gesundheit sorgen. 

Hier geht es darum, in der eigenen Person und im Privatleben begründete Quellen des Ausbrennens zu identifizieren und gesundheitsförderlich beeinflussen, Stressanzeichen bei sich und anderen wahrzunehmen, Selbstfürsorge und kollegiale Fürsorge zu betreiben.    

Ansätze persönlicher Weiterentwicklung im Sinne der Gesundheitsförderung sind zum Beispiel:

 

  • "Innere Antreiber" wie persönliche Leistungsansprüche und Zielsetzungen oder die persönliche Bedeutung beruflichen Erfolgs identifizieren und mäßigen,
  • Stressbewältigungs- und Problemlösefertigkeiten erweitern,
  • Lernen, selbstverantwortlich und selbstfürsorglich Grenzen zu setzen und Nein sagen zu können,
  • Zeitmanagementkompetenzen erweitern,
  • Entspannungsfähigkeit und Entspannungstechniken erlernen,
  • grundsätzliche Denk- und Bewertungsmuster hinterfragen und ggf. verändern,
  • bewusste Gestaltung von Freizeit- und Erholungsverhalten im Sinne eines ausgewogenen und gesundheitsförderlichen Lebensstils.

 

Manchmal reichen ein Ratgeber, ein Video, ein Audio-Book oder eine App, um wie es so schön heißt "an sich zu arbeiten", den eigenen Perfektionismus einzudämmen, Selbstbehauptung zu üben oder sich ein Entspannungsverfahren wie das Autogene Training anzueignen oder die Grundzüge der Achtsamkeitsmeditation zu erlernen und so das Stresserleben zu reduzieren und innere Ruhe zu finden. Manchmal kann es wirkungsvoller sein, einen Kurs zu besuchen, zumal man dort auch auf Menschen mit ähnlichen Anliegen und Schwierigkeiten trifft.

Sehr wirkungsvoll ist auch eine individuelle psychologische Beratung, die ebenfalls ein zu empfehlender Teil der Prävention  psychischer Probleme und Erkrankungen ist.

 

Die Möglichkeiten sind vielfältig, brauchen jedoch, wie nicht nur die zitierte Studie, sondern auch meine tägliche Beratungspraxis zeigt, entsprechende Rahmenbedingungen im Sinne einer zeitgemäßen Mitarbeiterfürsorge seitens der Arbeitgeber. 

 

 


Meldungen über neue Blog-Artikel regelmäßig erhalten via facebookGoogle+ und twitter.


 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 6
  • #1

    Sabrina L. (Montag, 23 März 2015 16:24)

    Sehr schön geschrieben! Allein der Titel definiert schon klar, worum es in einer erfolgreichen Unternehmenskultur gehen sollte und worum nicht. Ich wünschte mehr Unternehmen würden sich davon inspirieren lassen, was nicht nur den Arbeitnehmern zu Gute kommen würde sondern im Endeffekt auch den Arbeitgebern.

  • #2

    psyberlin (Dienstag, 24 März 2015)

    Liebe Frau L., recht herzlichen Dank für Ihre schöne Rückmeldung. Ihren Wunsch teile ich und stimme Ihnen vollkommen zu: nachhaltig gedacht, profitieren Unternehmen auch finanziell enorm von einer fundierten Mitarbeiterfürsorge!

  • #3

    Peter Reitz (Donnerstag, 14 Mai 2015 23:25)

    Auf jedenfall ein "wünschenswerter" Artikel. Aber auch "Unternehmenskultur" kostest Geld und zahlt sich dann aus, wenn "nachhaltiges Wirtschaften" gewünscht ist. Die Praxis zeigt, dass dies leider nicht immer so ist.

  • #4

    psyberlin (Freitag, 15 Mai 2015 10:32)

    Sehr geehrter Herr Reitz,

    vielen herzlichen Dank für Ihr Kommentar und das Feedback. In der Tat ist das nachhaltige Wirtschaften noch lange nicht gang und gäbe, in bestimmten Branchen scheint sich sogar eher ein Trend in die andere Richtung abzuzeichnen. Aus psychologischer, medizinischer und menschlicher Sicht ist das fatal, langfristig allerdings auch tatsächlich von monetärem Nachteil für die Unternehmen. Darauf hin deuten unter anderem Zahlen der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin.
    Mit den besten Grüßen,

    Julia Arnhold

  • #5

    Annett (Mittwoch, 28 Oktober 2015 22:32)

    Hallo Julia,

    leider hast Du in Deinem letzten Kommentar den nagel auf den Kopf getroffen. Das Thema Unternehmenskultur und Work-Life-Balance, werden zwar gerne von den Firmen als Namen verwendet, doch wirklich angewandt und umgesetzt wird es kaum. Vor allem bei den größeren Firmen wird das Thema Burnout und Depression, immer häufiger als Grund für Fehlstunden und Krankentage genannt. Sogar Schüler haben in den letzten Jahren vermehrt Fehlzeiten durch psychische Gründe. Eine Entwicklung die in den Industriestaaten am stärksten vertreten ist.

    Wahrscheinlich muss es erst noch viel schlimmer werden, bevor es wieder besser wird.

    Liebe Grüße

    Annett

  • #6

    psyberlin (Donnerstag, 29 Oktober 2015 11:11)

    Liebe Annett, vielen Dank für den Kommentar. Auch der aktuelle Gesundheitsatlas der DAK dokumentiert wieder gestiegene Arbeitsunfähigkeitszeiten aufgrund psychischer Erkrankungen. Davon unabhängige Studien die gestiegene Stressbelastung in der Arbeitswelt. An Nachweisen der Notwendigkeit betrieblicher Fürsorge (und natürlich auch der Eigenverantwortung der Beschäftigten) fehlt es ganz sicher nicht. Unternehmen, in denen das Betriebliche Gesundheitsmanagement eher Schmuck oder gar Attrappe ist, müssen in der Tag tiefgreifend und nachhaltig umdenken. Das wiederum geht oft leichter mit Hilfe des Einbezugs externer Mental Health Experten. In der Tat öffnet sich dann im persönlichen Gespräch doch manche Tür. Umdenken ist möglich!
    Ich selbst werde nach meiner Elternzeit im kommenden Jahr in diesem Bereich noch aktiver werden als bisher. Die Arbeitswelt nimmt im Leben vieler Menschen einen so großen Raum ein, persönliche Probleme und Erkrankungen können kaum ohne Beachtung des Systems Arbeit betrachtet werden.

    Alles Gute und herzliche Grüße,

    Julia Arnhold