Entschleunigung? Ja, ich will!

Arbeitsverdichtung

Die Angebote zur Stressreduktion sind vielfältig. Kurse, Ratgeber, CDs, ebooks, Audiobooks und Apps für Entspannung, Achtsamkeit, Yoga, Autogenes Training und Meditation schießen aus dem Boden. Der Markt ist voll, die Auswahl groß. Wir können aus dem vollen schöpfen. Und doch stellt sich für viele Gestresste keine nennenswerte Entlastung ein. Im Gegenteil, immer wieder erlebe ich es in meiner täglichen Arbeit mit Ratsuchenden, dass der Versuch "Entspannung in den Alltag einzubauen" selbst zur Belastung wird!

Nach wie vor spielt das Erleben von Stress und Überforderung eine große Rolle - in den Medien, in privaten Gesprächsrunden und in den Praxen von Beratern, Coaches und Therapeuten.

 

"Ich weiß gar nicht, wo ich noch einen Termin unterkriegen soll", "An diesen Achtsamkeitsübungen dranzubleiben, fällt mir wirklich schwer, ich vergesse das oft einfach" - solche Aussagen höre ich sehr häufig, sowohl in der Praxis als auch im privaten Umfeld.

Entspannung, Regeneration, Ausgleich und Besinnung werden zu einem weiteren To Do, noch einer Verpflichtung, noch einem Termin im Kalender. Und damit zum Stressor. Auch Treffen mit Freunden, ein Theaterbesuch oder ein Spaziergang an der frischen Luft fallen oft der Kapazitätsgrenze des Kalenders und der daraus folgenden Ausgelaugtheit und Erschöpfung zum Opfer.

"Es wäre schön für uns beide, mal wieder zusammen ins Kino zu gehen", sagte kürzlich eine Klientin in einer Beratung über sich und ihren Mann. "Wir nehmen uns das auch immer wieder mal vor, aber dann sind wir abends immer so erledigt, dass wir dann doch auf dem Sofa landen, und irgendwie ist das nicht dasselbe."

Geht es Ihnen ähnlich?

 

Um der Lösung des Dilemmas näher zu kommen, möchte ich Sie einladen, diese kurze Anekdote zu lesen, über die ich - leider ohne verlässliche Quellenangabe - schon oft im Internet gestolpert bin und die für unser Thema leicht abgewandelt habe:

 

 

Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen

Ein Philosophie-Professor stand vor seinem Kurs und hatte vor sich ein sehr großes Glas und drei geschlossene Kisten aufgebaut. Zu Beginn der Lehrveranstaltung öffnete er die erste Kiste und holte daraus Golfbälle hervor, mit denen er das Glas bis zum Rand füllte. Er fragte die Studierenden, ob das Glas voll sei. Sie bejahten.

 

Als nächstes öffnete der Professor die zweite Kiste. Sie enthielt Schokolinsen. Diese schüttete er zu den Golfbällen in das Glas. Er rüttelte am Glas und die Schokolinsen rutschten in die Leerräume zwischen den Golfbällen. Dann fragte er die Studenten wiederum, ob das Glas nun voll sei. Sie stimmten zu.

 

Daraufhin öffnete der Professor die dritte Kiste. Sie enthielt Sand. Diesen schüttete er ebenfalls mit vollen Händen in das Glas. Der Sand füllte noch den letzten Zwischenraum zwischen den Golfbällen und den Schokolinsen. Ein drittes Mal fragte er, ob das Glas nun voll sei. Die Studenten antworteten einstimmig "Ja".

 

Der Professor holte eine geöffnete Flasche Wein unter dem Tisch hervor und leerte sie in das Glas. Seine Studenten lachten und tuschelten.

 

"Nun", sagte der Professor, als der Kurs sich langsam beruhigte, "ich möchte, dass Sie dieses Glas als Ihr Leben ansehen. Die Golfbälle sind die wichtigen und wertvollen Dinge in Ihrem Leben: alle von Ihnen bevorzugten, leidenschaftlichen Aspekte Ihres Lebens - das was, falls in Ihrem Leben alles verloren ginge und nur noch diese verbleiben würden, Ihr Leben trotzdem noch erfüllen würden." Er fuhr fort: "Die Schokolinsen stehen für die Dinge in Ihrem Leben, die auch gewisse Wichtigkeit haben, aber nicht von essenzieller Bedeutung für Sie sind. Der Sand sind alle Unwichtigkeiten, der Firlefanz, der nichts mit Ihrem Wesen zu tun hat. Füllen Sie ihn niemals zuerst ins Glas!"

 

Einer der Studenten erhob die Hand und wollte wissen, was denn der Wein versinnbildlichen solle.

 

Der Professor erwiderte: "Nun, egal wie schwierig Ihr Leben auch sein mag, allein für Wein wird immer noch Platz sein."

 

 

 

Werteorientiertes Leben

Zurück zu Ihnen. Wenn Ihr Glas randvoll ist, bleibt nur noch der Griff zu Wein oder Bier (oder zur Fernbedienung des Fernsehers), weil nichts anderes mehr hineinpasst. Keine Achtsamkeitsübung, kein Yogakurs, kein Spaziergang. Kein Platz für Stressreduktion und Entschleunigung.

 

Finden Sie also zunächst heraus, was die Golfbälle in Ihrem Leben sind.

Nehmen Sie sich einen Moment Zeit und denken Sie über folgende Fragen nach:

 

Wie sähe ein idealer Tag in meinem Leben aus?

Was würde ich auf dem Sterbebett bedauern, wenn es in meinem Leben zu kurz gekommen wäre?

Was täte ich, wenn ich morgen im Lotto gewinnen würden und auf ewig ausgesorgt hätte?

 

So nähern Sie sich Ihren persönlichen Werten an. Dem, was Ihnen wirklich wichtig ist im Leben, woraufhin Sie Ihr Leben in jedem Moment mit Priorität ausrichten möchten. Notieren Sie sich Ihre Antworten!

 

Die Schokolinsen zu identifizieren ist etwas schwieriger. Denken Sie vielleicht an die gute alte Freundebuch-Frage aus Ihrer Kindheit. "Welche drei Dinge würdest Du mit auf eine einsame Insel nehmen?" Wandeln Sie die Frage etwas ab:

 

Wenn ich mit meinen drei wichtigsten Golfbällen auf ewig auf einer einsamen Insel abgeschnitten von der Außenwelt wäre, welche drei Dinge aus meinem Alltag würde ich noch mitnehmen wollen, auch wenn ich dafür viel Geld bezahlen müsste?

("Dinge" ist hier nicht rein materiell zu verstehen, auch ein Job oder ein Hobby kann eine Schokolinse sein!)

Notieren Sie auch die drei Schokolinsen.

 

Jetzt haben Sie eine gute Grundlage, Prioritäten in Ihrem Leben zu setzen. Eines braucht es nun aber doch noch zur Entschleunigung: Ihre Entscheidung. Ihr Ja und Ihr Commitment zu einem Wandel in Ihrem alltäglichen Leben, in Ihrem Hier und Jetzt.

 

Falls Sie sagen, Ja ich will: nehmen Sie gleich einen Rotstift zur Hand und misten Sie Ihren Kalender aus - raus mit dem Sand, rein mit den Golfbällen und den wichtigen Schokolinsen - darunter vielleicht auch etwas, das zu Ihrem mentalen und körperlichen Ausgleich und Wohlbefinden beiträgt?

 

 

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Erik (Sonntag, 14 September 2014 10:57)

    Tolle Anekdote, ich mag solche Ausführungen,die ich mir bildlich vorstellen kann sehr. Ich merke mir durch solche Bilder das, was dahinter steckt, immer viel besser. Aber mit den Golfbällen fängt es ja schon an. Die Werte der Menschen sind ja verschieden, viele denken da leider ans Materielle. Aber das ist ja mit dieser Anekdote nicht gemeint. Ich möchte Ihnen eine Anekdote vorstellen, die dazu passt.

    Ebenfalls ein Professor steht vor seinen Studenten. Zeigt allen eine 50-Dollar-Note (austauschbar)und fragt, wer diese Note geschenkt haben möchte. Alle heben die Hand.
    Dann faltet der Professor diesen Schein so klein, wie nur möglich. Zeigt ihn in diesem Zustand in die Höhe und fragt wiederum, wer den Schein noch haben möchte. Alle heben erneut die Hand.
    Dann glättet er die Note, schmeißt sie auf den Boden und tritt mehrmals darauf herum. Etwas lädiert hält er die Note nach oben und wiederum wollen alle Studenten die Note noch haben.
    Zu guter letzt dreht und wendet der Professor den Schein in dem auf dem Boden liegenden Schmutz. Abermals hebt er den Schein auf, welcher inzwischen geknickt, lädiert und schmutzig ist. Auf seine letztmalige Frage, wer den Schein noch so haben will, gehen wieder alle Hände nach oben.
    Der Professor sagt zu seinen Studenten: Sie haben alle erkannt, dass diese Note, egal, wie oft ich sie zusammengefaltet habe, auf ihr herumgetreten bin, sie durch den Dreck gezogen habe, sie hatte immer denselben Wert:)
    Sie haben tolle Artikel - weiter so. Danke.

  • #2

    psyberlin (Montag, 15 September 2014 10:16)

    Lieber Erik, vielen Dank für Ihre tolle Rückmeldung und die Vorstellung Ihrer Anekdote! Die kannte ich noch nicht.
    Alles Gute für Sie und herzliche Grüße, Julia Arnhold