Darf gesund erst werden, wer krank ist?

Psychische Krankheit

Die anstehende Veröffentlichung des überarbeiteten Diagnosesystems der American Psychiatric Association (DSM-V, APA) schlägt Wellen. 

Diagnosesysteme gibt es seit dem 19. Jahrhundert. Sie wurden seither immer wieder revidiert. Und sind seither maßgebender Bezugsrahmen für die Beurteilung von Beeinträchtigungen der Befindlichkeit und der Lebensführung als "gesund" oder "krank". Heute sind sie Gegenstand der öffentlichen Debatte, derzeit zum Beispiel im aktuellen Titelthema des Spiegel. Das ist zunächst einmal begrüßenswert, weil es Ausdruck ist eines gewachsenen Bewusstseins und der Tauglichkeit psychischer Beeinträchtigungen als Thema, über das gesprochen werden darf. Lange ein Tabuthema avanciert psychische Befindlichkeit nun jedoch im Zeitraffertempo zum Ziel kritischer Beiträge. Nicht immer mit dem notwendigen und dem worüber gesprochen wird innewohnenden Grad an Komplexität und Sensibilität. 

Den Anfang hat das öffentliche Bewusstsein, das Überwinden des Tabus, genommen mit der Frage nach den Konsequenzen der (westlichen) Leistungs- und Führungsmentalität, dem scheinbar plötzlichen Allgegenwärtigseins des "Ausbrennens" wertvoller Arbeitskräfte. Den Anstoß gab eine ökonomische Problemstellung: Wie kann die Anzahl von Arbeitsunfähigkeitstagen aufgrund psychischer Überlastung, namentlich "Burnout-Syndrom", reduziert werden? Weit entfernt von der überzeugenden Beantwortung dieser Frage werden nun andere laut: Werden Diagnosen ungerechtfertigt vergeben? Werden Menschen krank "gemacht", um Behandlungsmaßnahmen zu rechtfertigen? Wo ist die Grenze zwischen gesund und krank? 

 

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO, 2001) definiert seelische Gesundheit als "Zustand des Wohlbefindens, in dem der Einzelne seine Fähigkeiten ausschöpfen, die normalen Lebensbelastungen bewältigen, produktiv und fruchtbar arbeiten kann und imstande ist, etwas zu seiner Gemeinschaft beizutragen". Gesundheit ganz allgemein definiert die WHO als "ein Zustand vollständigen physischen, geistigen und sozialen Wohlbefindens, der sich nicht nur durch die Abwesenheit von Krankheit oder Behinderung auszeichnet". Dies zum Maßstab nehmend, jenseits der stringenten Kriterien der Diagnosesysteme, ist Gesundheit ein zunächst vorrangig subjektives Gut. Im Alltag des Behandlers spiegelt sich die Subjektivität darin wider, dass Menschen aufgrund erlebter Beeinträchtigungen den schwierigen und herausfordernden Schritt auf sich nehmen, professionelle Hilfe aufzusuchen und an bestehenden Problemen zu arbeiten. Menschen, die einen Psychotherapeuten oder Psychiater aufsuchen, wissen meist nichts von Diagnosekriterien und Diagnosesystemen. Sie erleben Belastung, Beeinträchtigung, Leid und Schmerz, die sie nicht alleine oder mit Hilfe ihrer persönlichen sozialen Bezugssysteme bewältigen können. Sie fühlen sich keineswegs "vollständig wohl" und "fähig ihre Fähigkeiten auszuschöpfen". 

Bei aller formalen Notwendigkeit der Klassifikation von psychischen Beeinträchtigungen und Beschwerden für ihre Behandlung (je nach Problemstellung ist eine andere Behandlungsmaßnahme indiziert), sollte aus Sicht praktisch tätiger Therapeuten nicht der Wert und Sinn einzelner diagnostischer Kategorien diskutiert werden, sondern vielmehr das Verständnis von Beeinträchtigungen der Gesundheit an sich. Warum dies überhaupt von Bedeutung ist, liegt auf der Hand. Eine Behandlung wird in Deutschland nur da finanziert, wo eine Krankheit ist. Und was krank ist, entscheidet das Diagnosesystem (in Deutschland ist das System der WHO bindend, die Internationale Klassifikation der Krankheiten, ICD-10). 

 

Wir funktionieren seelisch allerdings nicht kategorial, folgen keinen 0/1-Algorithmen. Menschen sind seelisch nicht gesund oder krank. Menschen benötigen mehr als die Abwendung des worst case, Lebensmüdigkeit und Suizidalität, und die Wiederherstellung von Arbeitsfähigkeit. Eine Einschränkung des  Lebensgefühls und des Selbstbilds als gesund und wertvoll, der Fähigkeit gegenseitig befriedigende soziale Beziehungen zu gestalten und des Gefühls den Herausforderungen des Lebens begegnen zu können ohne tagtäglich am Rande der Erschöpfung zu stehen, ist wohl das entscheidendste Kriterium für die Rechtfertigung der Inanspruchnahme professioneller Unterstützung. Die Unterscheidung in "gesund" oder "krank" ist eine künstliche Kategorisierung, die an Bedürfnissen und Notwendigkeiten unserer Gesellschaft letztlich vorbei geht, außer Acht lässt, dass Menschen fördernde und hemmende Faktoren gleichermaßen in sich tragen, und wertvolle Prozesse der individuellen Entwicklung behindert. Diagnosesysteme wird es allein aus politischen und wirtschaftlichen Gründen weiterhin geben, aus psychotherapeutischer Sicht lohnt jedoch eine grundsätzliche Reflexion dessen worum es ihnen eigentlich geht - menschliches Wohlbefinden. Wünschenswert wäre die nicht nur begriffliche, sondern prinzipienbasierte Einführung der Gesundheitskassen anstelle von Krankenkassen. Ein Angebot, das dort ansetzt, wo die Abwärtsspirale noch nicht ganz unten angekommen ist, sondern das die Negativentwicklung vielmehr aufhält und umkehrt. Frühe Hilfe bei Beeinträchtigungen der Gesundheit braucht in den allermeisten Fällen sehr viel weniger Ressourcen, sowohl emotionaler als auch finanzieller Art. Das Thema Prävention und Gesundheitsförderung ist hoffentlich nach der Diagnoseschelte das nächste, das mit Eifer öffentlich diskutiert wird. 

 

 

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