Depression ist (auch) männlich

der depressive starke Mann

Die im westlichen Teil dieser Welt zunehmend zu verzeichnende Gleichstellung der Frau erlaubt inzwischen auch wieder genauer die Unterschiede zwischen Männern und Frauen zu betrachten. Im Bereich psychischer Beschwerden genauso wie im Bereich der körperlichen Gesundheit. Das amerikanische National Institute of Mental Health weist aktuell auf die Besonderheiten depressiver Beschwerden bei Männern hin (hier gibt es die Broschüre). 

 

Depressionen sind sehr häufig, in Deutschland leiden vier Millionen Menschen darunter.

Da die Depression jedoch nicht selten unerkannt bleibt, ist davon auszugehen, dass die tatsächliche Zahl Betroffener noch höher liegt. Insbesondere Männer tun sich schwer damit, bei depressiven Symptomen Hilfe zu suchen. Es scheint ihnen oft abwegig oder unangenehm mit einer Therapeutin oder einem Therapeuten darüber zu sprechen wie sie sich fühlen. Eine Depression ist jedoch eine behandlungsbedürftige Erkrankung, die es ernst zu nehmen gilt. Die Niedergeschlagenheit und Verzweiflung kann sogar in Lebensmüdigkeit und Suizidalität münden - was für Männer besonders bedrohlich ist, da sie im Falle eines Suizidversuchs mit höherer Wahrscheinlichkeit tatsächlich versterben als Frauen. 

 

Menschen, die an einer Depression leiden, fühlen sich über eine längere Zeit hinweg überdauernd niedergeschlagen oder traurig, bei Männern herrscht statt der Niedergeschlagenheit oft auch Gereiztheit vor. Der im Zuge einer Depression häufig zu beobachtende Verlust an Interesse an Ereignissen und Aktivitäten, die bisher als angenehm empfunden worden sind, kann sich bei Männern besonders auch als Verlust des Interesses an der beruflichen Tätigkeit zeigen. Genauso aber auch bei Freizeitaktivitäten, Unternehmen mit Freunden oder PartnerIn und sexuellen Aktivitäten. 

 

Viele Betroffene, auch hier besonders die Männer, fühlen sich ständig müde, abgeschlagen und antriebslos, sodass kleinste Verrichtungen als übermäßig anstrengend erlebt werden. Auch für Schlafstörungen scheinen Männer anfälliger als Frauen zu sein. 

 

Weitere mögliche Symptome einer Depression sind ein Verlust an Selbstvertrauen und eine Verschlechterung des Selbstwertgefühls. Die Konzentrationsfähigkeit kann durch ständiges Grübeln und negative Gedanken eingeschränkt sein, ebenso das Gedächtnis und die Entscheidungsfähigkeit.  

 

Nicht selten leiden Menschen mit Depressionen unter starken und objektiv nicht nachzuvollziehenden Schuldgefühlen sowie Gefühlen der Wertlosigkeit und Unzulänglichkeit. Häufig werden sowohl die Vergangenheit als auch Gegenwart und Zukunft pessimistisch und negativ gesehen, sodass sich Gefühle von Hoffnungslosigkeit und Resignation einstellen können. 

 

Unruhe oder Verlangsamung, Appetitverlust oder Appetitsteigerung oder vielfältige körperliche Beschwerden können hinzu kommen. 

  

Nicht alle Symptome müssen vorhanden sein, um von einer Depression sprechen zu können, bereits leichte Formen führen zu erheblichen Beeinträchtigungen.  

Entscheidend ist zunächst die über den Zeitraum von mindestens zwei Wochen negativ veränderte Stimmung, die täglich vorherrscht und nicht oder nur schwer positiv zu beeinflussen ist. Manche Menschen erleiden nur einmal im Leben eine sogenannte depressive Episode, die unbehandelt mehrere Monate andauern kann, andere erleben wiederkehrende Episoden. 

 

Eine andere Form der depressiven Störung ist die sogenannte "Dysthymie", bei der zwar keine so klar umgrenzten Phasen depressiver Stimmung vorliegen, diese jedoch über einen Zeitraum von zwei Jahren oder mehr an den meisten Tagen vorherrschend ist. Dazu kommen Mattigkeit, Abgeschlagenheit, alles fällt Betroffenen schwer, sie sind oft reizbar und unzufrieden.

 

Depressive Abwärtsspirale

Wie entsteht eine Depression?

 

An der Entstehung einer Depression sind mehrere Faktoren beteiligt. 

Wie bei den meisten Erkrankungen geht man heute von einer in vielen Fällen vorhandenen biologischen Anfälligkeit aus. Diese kann zum Beispiel genetisch oder durch frühe Belastungen bedingt sein und dazu führen, dass es zu Veränderungen in der Verfügbarkeit bestimmter Botenstoffe im Gehirn, sogenannter Neurotransmitter, kommt. Solche Veränderungen können die Stimmung und den Antrieb beeinflussen.  

 

Andere Risikofaktoren sind bestimmte innere Grundhaltungen, die vor dem Hintergrund der persönlichen Biographie entstehen. Dazu gehört zum Beispiel ein perfektionistischer Anspruch an sich selbst.

 

In der Auslösung einer Depression spielen häufig Verlusterlebnisse, Trennung, mangelnde soziale Unterstützung durch Partner, Freunde und Familie, chronischer Stress und Überforderung, finanzielle Krisen oder Arbeitslosigkeit eine Rolle. Besonders bei Männern kann es durch Scham und den Wunsch "stark" zu sein sehr schwer fallen, sich bei alltäglichen Problemen anderen anzuvertrauen, sodass soziale Unterstützung vielleicht vorhanden ist, aber nicht wirksam werden kann. 


Man geht davon aus, dass diese Umstände und Lebensereignisse gewohnte Abläufe stören, sodass "aus dem Tritt gerät", betroffene  Personen dann zu einer eher kritischen Auseinandersetzung mit sich und der Situation neigen und, falls entsprechende Bewältigung und Unterstützung nicht möglich sind, die sogenannte "depressive Abwärtsspirale" angestoßen werden kann.

 

In dem Modell der "depressiven Abwärtsspirale" ist veranschaulicht, dass durch bestimmte Ereignisse und Lebenssituationen verstärkt negative Gedanken heraufbeschworen werden, die sich wiederum negativ auf die Stimmung auswirken. Dies umso stärker, wenn zum Beispiel perfektionistische Ansprüche an sich selbst, ein geringes Selbstwertgefühl oder andere ungünstige Grundhaltungen vorliegen. Diese können im Rahmen einer Depression zu einem regelrecht "verzerrten" Denken führen (zum Beispiel dass nur noch negative Informationen wahrgenommen werden, positive hingegen nicht mehr).

 

Bei schlechter Stimmung neigen viele Menschen dazu, 

sich von Kontakten und vergnüglichen Aktivitäten zurückzuziehen. Dieser Rückzug wiederum verhindert Ablenkung und die Beschäftigung mit anderen Inhalten oder Sichtweisen, sodass die negativen Gedanken weiterzunehmen, oftmals noch andere negative Erfahrungen aus der Vergangenheit mit aktiviert werden, die Stimmung weiter sinkt, damit wiederum der weitere Rückzug wahrscheinlicher wird und so fort.  

 

Die naturgemäßen wechselseitigen Zusammenhänge zwischen Aktivität, Gedankeninhalten, Stimmung und körperlichem Befinden bedingen das umfassende und weitreichende Beschwerdebild im Rahmen einer Depression. 

 

Zugleich bieten sich jedoch auch vielfältige Ansatzpunkte für eine erfolgreiche Therapie. 

 


Therapiemöglichkeiten

 

Die Behandlung von Depressionen ist sehr gut entwickelt und bietet viele individuelle Möglichkeiten.

In vielen Fällen kann eine Psychotherapie stabile und langfristige Erfolge bewirken, nur bei schweren Depression ist eine begleitende medikamentöse Therapie ratsam, da sie in vielen Fällen erst die nötige Aktivierung und Konzentration ermöglicht, die eine Psychotherapie erfordert.  

 

Im Rahmen der bei Depressionen wirksamen kognitiven Verhaltenstherapie wird nach einer individuell abgestimmten Herleitung der persönlichen Merkmale und Entwicklung der depressiven Symptomatik sowie der Idee hinter den therapeutischen Maßnahmen schrittweise das Aktivitätsniveau gesteigert. Vor allem als positiv erlebte Aktivitäten sollen (wieder) fester Bestandteil des Alltags werden. Dieser erste Behandlungsschritt führt oftmals bereits zu einer Verbesserung der Stimmung.  

 

Im weiteren Verlauf werden die individuell wichtigen Gedanken und inneren Haltungen identifiziert, die die depressive Entwicklung begünstigt haben. Mit Hilfe spezifischer Übungen und Strategien werden bestimmte Sichtweisen hinterfragt und gegebenenfalls verändert. 

An dieser Stelle geht es nie um den Aufbau einer arglos optimistischen "Es wird schon alles gut" Sichtweise, sondern vielmehr um die Entwicklung einer realistischen Sicht, die sich auf verschiedene überprüfbare Hinweise stützt. Nicht selten stellen zum Beispiel Menschen, die viele Misserfolge vor Augen haben und von sich denken "Ich kann überhaupt nichts" bei näherer Betrachtung fest, dass sie bestimmte Fähigkeiten haben und es durchaus bereits Dinge gegeben hat, die sie erfolgreich gemeistert haben.

 

In der Therapie wird Wert darauf gelegt, weder nur die Misserfolge, noch allein die Erfolge zu betrachten, sondern die eigene Person, andere Menschen und Situationen umfassend zu bewerten.  

 

Das Erlernen oder Erweitern von Verhaltensweisen, die nützlich im Lösen von Problemen und in der positiven Gestaltung zwischenmenschlicher Beziehungen sind, ergänzt individuell die genannten Therapiebausteine. 

 

In manchen Fällen kann es wichtig sein, nicht im Hier und Jetzt zu verbleiben, sondern, wenn die Symptome reduziert werden konnten, auf die eigene Vergangenheit zu schauen und diese auf mögliche Grundsteine einer späteren Neigung zur Depressivität zu untersuchen (siehe hierzu z.B. auch Blick hinter die Mauer). Eine manchmal nicht ganz einfache, letztlich aber spannende und nutzbringende Reise - auch für Männer. 

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Martin (Samstag, 16 Juni 2012 12:48)

    Guter Überblick, über das Thema Depressionen! Finde ich sehr hilfreich! Gerade auch der Hinweis auf die Geschlechterprävalenz ist besonders wichtig, da ansonsten der Eindruck entstehen könnte, nur Frauen sollten psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nehmen!

  • #2

    psyberlin (Samstag, 11 Mai 2013 08:44)

    Die Stiftung Männergesundheit widmet sich im aktuell veröffentlichten Männergesundheitsbericht 2013 der männlichen Depression.
    Der Bericht konstatiert eine gestiegene Suizidrate bei Männern aller Altersstufen in den letzten Jahren. Als ursächlich wird eine aufgrund von Stigma und Tabu unerkannt und versteckt steigende Rate von Depressionen bei Männern vermutet.
    Die Stiftung engagiert sich für eine Verbesserung von Prävention und Diagnostik der depressiven Störungen mit geschlechtsspezifischer Differenzierung.

    Hier Frau Prof. Dr. Doris Bardehle aus dem wissenschaftlichen Beirat der Stiftung Männergesundheit im SWR-Interview "Depressionsblindheit": http://swrmediathek.de/player.htm?show=b698ea40-ae8e-11e2-a471-0026b975f2e6

    Und die aktuelle Meldung zum Männergesundheitsbericht 2013 der Berliner Zeitung:
    http://www.berliner-zeitung.de/wissen/gesundheit-von-maennern-deprimiert--suechtig-und-voller-angst,10808894,22574790.html