Reden ist Silber, Fühlen ist Gold

Gefühle wie auf Knopfdruck

Wider besseren Wissens immer wieder wegen der gleichen Dinge mit Partner und Freunden in Streit geraten, sich dem Chef unterordnen statt für eigene Rechte einzutreten, aus Unsicherheit auf der Party kein Wort sagen, die Tafel statt dem Stück Schokolade essen oder mit perfektionistischem Anspruch und hoher Anspannung an das nächste berufliche Projekt gehen: oftmals handeln wir wie ferngesteuert, obwohl wir uns etwas ganz anderes vorgenommen haben. 

 

Die meisten Menschen haben schon einmal die Erfahrung gemacht, dass sie durch reflektierende Gespräche und Überlegungen verstandesmäßig erfasst haben, dass ein bestimmtes Verhalten ungünstig ist, rational und felsenfest beschlossen haben es zu ändern, und dann in der nächstbesten Situation genauso handeln wie eh und je, als hätte nie zuvor eine kritische Auseinandersetzung stattgefunden. Ein herber Schlag für viele Veränderungsambitionierte! Hat man sich doch so mühsam und bewusst und analytisch vertieft in Zusammenhänge, Ursachen, Konsequenzen, Erklärungen, Pros, Contras, Alternativen und Perspektiven. Und das nur um nachher wie auf Knopfdruck wieder das alte Programm abzuspielen? Genau. Denn das Programm sitzt im emotionalen Zentrum unseres Gehirns, dem sogenannten limbischen System, während logische Analyse und vernunftmäßige Veränderungsentscheidung in der Großhirnrinde (Cortex) vollzogen werden. 

 

Das limbisches System entsteht noch vor der Geburt, cortikale Strukturen erst danach, zuletzt das Frontalhirn im Stirnbereich, wo Prozesse des Problemlösens, Planens und Entscheidens ablaufen. Viele unserer Verhaltensweisen werden durch länger zurückliegende emotionale Erfahrungen entscheidend mit beeinflusst, die vorrangig im limbischen System abgespeichert sind. Erfahrungen in Kindheit und Jugend sind besonders prägend. Die allerfrühestens Erfahrungen im 3. Lebensjahr werden sogar ausschließlich im limbischen System gespeichert und sind daher verbal gar nicht zugänglich. Diese Erinnerungen existieren (und wirken!), können aber nicht in Sprache ausgedrückt werden. Sprachlicher Ausdruck und gedankliche Reflexion sind mentale Prozesse, die in cortikalen Strukturen ablaufen. Dies erklärt, warum emotionale "Programme" ausgelöst werden können, ohne dass wir unmittelbar verstehen warum.

 

Wenn nun bestimmte emotionale Erfahrungen in bestimmten Situationen reaktiviert werden - zum Beispiel kann das Erleben von Kritik eines strengen Vaters bei Äußerung eigener Bedürfnisse durch eine Konfrontation mit dem Chef wieder aktiviert werden ohne dass es uns bewusst wird - kann es passieren, dass ein dazu passendes, in der ursprünglichen emotionalen Situation erlerntes Verhalten - zum Beispiel Unterordnung und Rückzug - anspringt. Es handelt sich um genau das Verhalten, das in der ursprünglichen emotionalen Situation das unter den damals gegebenen Bedingungen günstigste gewesen ist. Bei Kindern ist es in aller Regel das Verhalten, das die größtmögliche Sicherheit bietet, von Eltern oder anderen wichtigen Bezugspersonen nicht abgewiesen, verletzt oder verlassen zu werden. 

In Momenten, in denen die beteiligte emotionale Struktur im Gehirn aktiviert wird, ist unser Verstand auch Jahre später quasi machtlos: wie auf Knopfdruck melden wir unser Recht auf Überstundenausgleich oder Urlaub nicht an, obwohl wir genau das noch tags zuvor beschlossen hatten, um drohender Überarbeitung entgegen zu wirken. 

 

Neue Wege gehen

Wie so häufig liegt im Kern des Problems allerdings auch seine Lösung bereit: wenn eine bestimmte problematische Reaktion unter bestimmten emotionalen Bedingungen entstanden und daher beharrlich mit ihr verknüpft ist, muss diese emotionale Bedingung zunächst wiederhergestellt werden, um eine alternative Reaktion zu etablieren - eine Reaktion, die unter heute gegebenen Bedingungen, mit den Möglichkeiten und Ressourcen und Sicherheiten eines Erwachsenen sinnvoll und hilfreich ist. 

 

Genau das ist es, was zeitgemäße Psychotherapieformen, die sich eng an neurobiologischen Befunden orientieren, ermöglichen wollen. Im geschützten Rahmen der Therapie wird der ursprüngliche emotionale Zustand wiederhergestellt, um unter Aktivierung der beteiligten emotionalen Struktur eine neue Reaktionsweise, also neue cortikale Verknüpfungen aufzubauen. Diese neue cortikale Verknüpfung unabhängig von der emotionalen Aktivierung aufzubauen ist weniger erfolgversprechend, da sie dann zwar als Wissen existiert, in der relevanten Situation, wenn Emotionen beteiligt sind, allerdings jäh und chancenlos von der mit der Emotion unlängst verknüpften Reaktion überlagert wird. In der Therapie kann die Emotionsaktivierung entweder durch reale Konfrontationen mit gefürchteten Situationen geschehen oder durch Imaginationsübungen, die auch weit zurückliegende biographische Situationen wieder spürbar machen können. All das sollte selbstverständlich nur professionell angeleitet und unterstützt durch eine vertrauensvolle therapeutische Beziehung geschehen. Auch bedarf es Zeit und Übung, ein alternatives Verhaltensmuster aufzubauen. Das alte Muster wird nicht gelöscht oder ausradiert, es besteht weiter fort, wir können nur trainieren das neue Muster zu benutzen und damit die entsprechenden neuronalen Verknüpfungen zu festigen. Unter Stress zum Beispiel können alte Muster sich jedoch wieder bemerkbar machen - da inzwischen ein Konkurrenzprogramm vorhanden ist, besteht allerdings die Möglichkeit entsprechend gegenzulenken statt wie bisher hilflos auf den Knopfdruck zu reagieren. 


 

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