Blick hinter die Mauer

Schematherapie

Vor dem Hintergrund einschneidender oder wiederholter Erfahrungen in Kindheit und Jugend entstehen bei jedem von uns bestimmte Muster. Die Muster beinhalten eine bestimmte Art zu denken, zu fühlen, wahrzunehmen und sich zu verhalten. In manchen Situationen wird das besonders deutlich. Man kann es sich vorstellen wie eine Art "Programm", das in manchen Situationen anspringt und (meist für uns unbewusst) bedingt, dass wir die Situation in einer bestimmten Weise wahrnehmen und interpretieren, uns in einer bestimmten Weise fühlen und verhalten. Auch bedingt dieses Programm, wie wir zu anderen Menschen in Beziehung treten. 

Jeder Mensch hat solche Muster - Knöpfe, die leicht zu drücken sind und verlässlich typische Reaktionen hervorrufen. Bei vielen Menschen sind sie so geartet, dass sie der Gestaltung zufriedenstellender Lebensumstände und der Erreichung persönlicher Lebensziele nicht im Wege stehen. Bei einigen Menschen sind sie jedoch eher starr und wenig flexibel, lassen kaum Spielraum zu, sich einmal anders zu verhalten als es das Muster "gebietet". Dazu kann es kommen, wenn bestimmte Erlebnisse in der Biographie besonders prägend gewesen sind. In einem solchen Fall kann man auch von einer "Lebensfalle" statt einem Muster sprechen. 

Der Fachbegriff, den der Psychotherapeut Jeffrey Young verwendet, lautet Schema. Die Therapieform, die Young zur Bewältigung von Schwierigkeiten mit diesen Schemata entwickelt hat, ist die Schematherapie.

 

Jeffrey Young

Nehmen wir das (fiktive) Beispiel des 41-jährigen Kai. 

Er ist in seiner Kindheit immer wieder von wichtigen Bezugspersonen in der einen oder anderen Weise verlassen worden. Seine Mutter hat die Familie in Kais 3. Lebensjahr verlassen. Alleinerziehend war Kais Vater häufig überfordert und hat seinen Sohn oft über längere Zeit in Betreuungen gegeben. Schließlich zog Kais bester Freund mit seiner Familie fort, als Kai 12 Jahre alt war. 

Da es für jeden Menschen auf der ganzen Welt ein Grundbedürfnis nach sicherer Bindung gibt, also danach, dass wichtige nahestehende Personen sicher und konstant erreichbar sind, fand in Kais Kindheit eine schwerwiegende Frustration eines Grundbedürfnisses statt - es hätte weniger bedurft, um Spuren bis ins Erwachsenenalter zu hinterlassen. Die Nichterfüllung des Bedürfnisses nach sicherer Bindung und stabiler Zuwendung führte bei Kai zu der Entwicklung der Lebensfalle Verlassenheit. In seinem Erwachsenenleben muss er später leidvoll erfahren, dass er in bestimmten Situationen immer wieder panische Angst vor Verlust und Verlassenheit bekommt. Wenn er Menschen näher kennenlernt, eine Freundschaft oder eine Beziehung einzugehen versucht, erwartet er im Grunde von Anfang nichts anderes, als dass der Mensch, den er gerade kennenlernt, ihn irgendwann allein lassen wird. Er kann kein Vertrauen in die Stabilität einer Beziehung entwickeln. Er lebt in ständiger Angst vor einem Verlust. 

 

Nicht nur bezüglich des Schemas Verlassenheit, auch hinsichtlich aller anderen Schemata ist davon auszugehen, dass sie sich entwickelt haben, weil zentrale Grundbedürfnisse innerhalb der Entwicklung nicht oder nicht ausreichend erfüllt worden sind. Nicht immer müssen Erfahrungen vorliegen, die offenkundig schädigend sind wie die im Beispiel von Kai geschilderten. Es kann auch eine mangelnde Bedürfnisbefriedigung vorliegen, wenn es einer Person in Kindheit und Jugend "an nichts gemangelt" hat und die Eltern "alles Erdenkliche" für sie getan haben. In diesem Falle wäre unter Umständen das Bedürfnis  nach Autonomie, Grenzen und Erprobung von Fähigkeiten nicht ausreichend erfüllt worden - was natürlich andere (negative) Erlebnisweisen als die im Beispiel von Kai zur Folge haben würde, zum Beispiel Angst davor eigene Wege zu gehen. 

 

Schemata oder Lebensfallen rufen wie Kais Beispiel zeigt, sehr schmerzvolle Gefühle hervor. Diese müssen irgendwie bewältigt werden. Die Schematherapie geht davon aus, dass es grundsätzlich drei Arten der Bewältigung der aus einem Schema resultierenden negativen Gefühle gibt: Sich-FügenVermeiden und die sogenannte Überkompensation. Oft überwiegt im Einzelfall eine dieser drei Strategien, es können aber auch verschiedene nebeneinander bestehen. 

 

Kai bewältigt die heftige Angst, die sich aus dem Verlassenheitsschema ergibt, indem er vermeidet. Er vermeidet Situationen, in denen es potentiell zum Verlassenwerden kommen könnte: er vermeidet es, sich emotional auf andere Menschen einzulassen, lässt niemanden wirklich an sich heran. Er geht nur oberflächliche Beziehungen ein, um nicht verletzbar zu sein, er baut bildlich gesprochen eine Mauer um sich herum auf. Diese Mauer, die Vermeidung von Nähe, ist im Verständnis der Schematherapie eine Bewältigungsstrategie, ein Schutzmechanismus. Sie schützt Kai davor, die Angst und die Trauer seines kindlichen Anteils zu spüren - die Erinnerung an die ursprünglichen Entstehungsbedingungen des Verlassenheitsschemas. 

Da dies nicht immer funktioniert und die Sehnsucht nach Nähe als Grundbedürfnis auch im Erwachsenenalter bestehen bleibt, kommt es auch regelmäßig vor, dass Kai zu viel Alkohol trinkt oder kifft, um nicht in Kontakt mit seinen wahren Gefühlen zu kommen. 

Diese Mauer, die Bewältigungsstrategie, stellt sich bildlich gesprochen vor den ängstlichen, verletzten kindlichen Anteil. In gewisser Hinsicht ist die Mauer also nützlich. Im Laufe des Lebens werden meist jedoch auch Kosten der Bewältigungsstrategie deutlich - zum Beispiel die irgendwo immer latent spürbare Sehnsucht nach einer engen, vertrauensvollen Beziehung.  

 

Andere Menschen bewältigen ein Verlassenheitsschema dadurch, dass sie dem Schema unbewusst nachgeben, es unbewusst als Wahrheit, ihr gegebenes Schicksal hinnehmen. Diese Bewältigungsstrategie zeigt sich immer dann, wenn Menschen als Erwachsene immer wieder die Kindheitssituationen des Verlassenwerdens wiederholen, die das Schema hervorgerufen haben. Dies zum Beispiel, indem sie immer wieder Beziehungen mit PartnerInnen eingehen, die höchstwahrscheinlich wenig Stabilität und Sicherheit bieten können, weil sie zum Beispiel bereits anderweitig gebunden, emotional instabil oder Substanzabhängig sind. 

 

Die Bewältigung durch Überkompensation bestünde im Falle des Verlassenheitsschemas darin, dass Betroffene ihre Beziehungen selbst nach kürzester Zeit und bei geringstem Anlass beenden. Dies geschieht um damit der Partnerin oder dem Partner sozusagen (unbewusst) zuvorzukommen. 


Lebensfallen überwinden

Die Schematherapie hilft zunächst, die unterschiedlichen inneren Anteile zu identifizieren und ihre Herkunft zu verstehen. Durch Vorstellungsübungen kann sozusagen eine emotionale Brücke geschlagen werden zwischen heutigen Schwierigkeiten in konkreten Situationen und bestimmten Erlebnissen in Kindheit und Jugend. 

Die Funktion der verschiedenen Anteile wird dann zum Beispiel mit Hilfe der sogenannten Stühletechnik verdeutlicht. Mehrere Stühle repräsentieren die inneren Anteile und ihre Anordnung zueinander. Auf diese Weise kann man auch die unterschiedlichen Positionen einnehmen und miteinander in Dialog treten lassen. 

 

Die unterschiedlichen Anteile einer Person werden innerhalb der Schematherapie Modi (Einzahl: Modus) genannt und repräsentieren einerseits sozusagen aus der ursprünglichen (kindlichen) Situation "übrig gebliebene" oder "mitgenommene" Erfahrungen, der Kern des Schemas also, andererseits das gesunde, erwachsene Ich. Neben diesem gesundenen Erwachsenen Modus können aber auch wie beschrieben die sogenannten Kind-Modi im Vordergrund sein, was mit zum Beispiel sehr traurigen oder ängstlichen Gefühlen (vulnerables Kind) oder aber schier unbändiger Wut (wütendes Kind) einhergehen kann. Da dies sehr schmerzvoll ist, hat sich auch ein Modus wie zum Beispiel die beschriebene „Mauer“ entwickelt, der davor schützen soll, dass die Gefühle eines verletzlichen Kindes empfunden werden, zum Beispiel indem er eher kühl und distanziert mit anderen Menschen umgeht und sie nicht an sich heranlässt (distanzierter Beschützer) oder das Gegenüber offen aggressiv, vielleicht auch gewalttätig, angreift (aggressiver Beschützer). Andere Anteile sind das, was Menschen von wichtigen früheren Bezugspersonen, häufig den Eltern, übernommen haben. Schwierig ist dies, wenn es sehr fordernde oder strafende Haltungen sind, die verinnerlicht wurden, da diese negative Selbstwahrnehmungen und mangelnde Selbstfürsorge bedingen können (fordernder oder strafender Elternteil). 

 

Die Psychotherapeutin Dr. Gitta Jacob, eine der Vorreiterinnen der Anwendung der Schematherapie in Deutschland, beschreibt auf Ihrer Internetseite kurz und knapp die Kernproblematiken der unterschiedlichen von Young beschriebenen Schemata. Verlassenheit ist nur eines unter insgesamt achtzehn. 

 

Oben habe ich das Schema als Programm bezeichnet, das in bestimmten Situationen anspringen kann. Dieses Wort ist bewusst gewählt, um zu verdeutlichen, dass es den meisten Menschen zunächst nicht möglich ist, diese Prozesse bewusst zu steuern oder zu kontrollieren, es geschieht einfach mit ihnen. Unterschiedliche, zum Teil extreme Gefühle werden aktiviert, die den Betroffenen (und sein Umfeld) gewissermaßen überfallen:

 

Die Schematherapie begleitet Menschen dabei, die hier skizzierten Strukturen und ihre individuellen Hintergründe bei sich selbst zu ergründen und unterstützt sie innerhalb einer konstanten und sicheren therapeutischen Beziehung darin, die Lebensfallen Schritt für Schritt unter Kontrolle zu bringen und sich auch unabhängig von ihnen entsprechend der persönlichen Lebensziele und Wünsche verhalten zu können. 

Dieser Weg ist nicht einfach, stellenweise sehr schmerzvoll, aber langfristig hilft er dem Leben und den Menschen offener zu begegnen und die Lebensqualität zu steigern. Innerhalb einer Schematherapie geht man diesen schwierigen Weg niemals alleine, die therapeutische Beziehung bietet sicheren und zuverlässigen Halt. 

 

 

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