Leben in Alarmbereitschaft

Kindheitserlebnisse hinterlassen Spuren

Gewalterfahrung und emotionale Vernachlässigung in der Kindheit hinterlassen nicht nur gefühlte Spuren. Eine aktuelle Studie der Universität Münster zeigt mittels bildgebender Verfahren erstmals, dass bei gesunden Betroffenen noch Jahrzehnte nach den belastenden Ereignissen eine erhöhte Aktivität der zentralen Angststruktur im Gehirn (der Amygdala) zu beobachten ist. Darüber hinaus legen die Studienergebnisse nahe, dass jene Gehirnstrukturen gegenüber Vergleichspersonen verkleinert und damit in ihrer Funktionalität eingeschränkt sind, die maßgeblich an Lernen und Gedächtnis (Hippocampus) sowie der Regulation von Gefühlen (Stirnlappen) beteiligt sind. Je mehr kindliche Gewalterfahrungen oder Vernachlässigung die Probanden der Studie berichteten, umso stärker waren diese Unterschiede ausgeprägt. Diese Auffälligkeiten finden sich auch bei Personen, die an psychischen Störungen wie zum Beispiel Depressionen und Angsterkrankungen leiden. 

 

Die Folgen einer Hyperreaktivität der Amygdala können erheblich sein. Einer der federführenden Autoren der Studie, Privatdozent Udo Dannlowski erklärt: "Die Betroffenen fürchten sich schneller, haben einen stärkeren Schreckreflex, haben Angst vor Nähe zu anderen Menschen und sind im Alltag ängstlicher als andere Menschen." Sie führen ein Leben in Alarmbereitschaft.

 

Die möglichen psychologischen Folgen traumatischer Erfahrungen in Kindheit und Jugend sind vielfältig beschrieben. Unterschiedliche Ansätze sehr verständig integrierend zum Beispiel im schematherapeutischen Konzept nach Jeffrey Young. Ein sogenanntes Schema entsteht vor dem Hintergrund einschneidender und/oder wiederholter Erfahrungen in Kindheit und Jugend. Man kann es sich vorstellen wie eine Art "Programm", das in vielen unterschiedlichen Situationen anspringt und (meist für die Person unbewusst) bedingt, dass wir die Situation in einer bestimmten Weise wahrnehmen und interpretieren, uns in einer bestimmten Weise fühlen und verhalten. Auch bedingt dieses Programm, wie wir zu anderen Menschen in Beziehung treten. 

Jeder von uns hat solche Schemata. Bei vielen Menschen sind sie so ausgestaltet, dass sie einer befriedigenden Lebensführung und der Erreichung persönlicher Lebensziele nicht im Wege stehen. Bei einigen Menschen sind sie jedoch eher unflexibel, lassen kaum Spielraum zu, sich einmal anders zu verhalten als es das Schema "gebietet". Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn Erfahrungen in Kindheit und Jugend in Bezug auf die Befriedigung psychologischer Grundbedürfnisse wie zum Beispiel sichere Bindung, Autonomie, Spiel, Orientierung und Kontrolle, ungünstig oder schädigend gewesen sind. 

Die oben skizzierten aktuellen Ergebnisse könnten einen Beitrag leisten, die neurobiologischen Grundlagen solcher Schemata zu erklären.  

 

Dass bestimmte Erfahrungen wie eingangs beschrieben messbare "Narben" im Gehirn hinterlassen können, bedeutet jedoch nicht, dass es nicht möglich ist, mit den daraus sich ergebenden Besonderheiten des Erlebens und Verhaltens umgehen zu lernen.  Sollten sich aus ihnen beeinträchtigende Beschwerden ergeben, können diese im Rahmen einer spezifischen Psychotherapie, zum Beispiel der Schematherapie, in vielen Fällen gelindert oder überwunden werden. 

 

 

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