Begriffsbestimmung

 

Suizidalität äußert sich auf der emotionalen Ebene durch Gefühle von Lebensmüdigkeit, Lebensüberdrüssigkeit oder Verzweiflung.

 

Auf der gedanklichen Ebene kommt es, für gewöhnlich vor dem Hintergrund einer erlebten Ausweglosigkeit bzw. Perspektivlosigkeit zur Beschäftigung mit dem Tod im Allgemeinen, mit dem eigenen Tod sowie mit Todeswünschen. Diese Gedanken können eher "passiven" Charakter haben, zum Beispiel "Wenn ich jetzt bei einem Unfall ums Leben käme, wäre das nicht schlimm". Oder aber die Gedanken beinhalten konkretere Überlegungen dazu, wie der eigene Tod aktiv selbst herbeigeführt werden könnte. 

 

Suizidale Verhaltensweisen können entweder in einer aktiven Selbstschädigung bestehen oder aber in einer Unterlassung lebenserhaltender Maßnahmen, zum Beispiel der Einnahme lebensnotwendiger Medikamente.

 

Häufigkeit

 

In der deutschen Allgemeinbevölkerung sterben jährlich über 10.000 Menschen durch Suizid, wobei eine gewisse Dunkelziffer von Suiziden, die nicht als solche erkannt und registriert werden, sicher anzunehmen ist. Bei Menschen unter 40 Jahren ist der Suizid nach dem Unfalltod die häufigste Todesursache. 

 

Die Häufigkeit von Suizidversuchen, die nicht selten mit bleibenden Schädigungen einhergehen, liegt mit 100.000 bis 200.000 im Jahr noch deutlich höher. 

 

Während Suizide häufiger von Männern und häufiger im höheren Alter begangen werden, ist der Suizidversuch ohne tödlichen Ausgang häufiger bei Frauen und im jüngeren Alter.

 


Risikofaktoren und Hinweise auf bestehendes Suizidrisiko

 

Neben psychischen Störungen und Persönlichkeitsstörungen ist das Suizidrisiko vor allem dann erhöht, wenn in der Vergangenheit bereits ein Suizidversuch unternommen wurde oder ein Familienangehöriger oder eine Person aus dem Umfeld sich suizidiert hat - diese Bedingungen scheinen zu begünstigen, dass der Suizid als potentielle Möglichkeit, als Option der Problemlösung überhaupt in Betracht gezogen wird.

 

Weitere Risikofaktoren sind mangelnder sozialer Rückhalt und mangelnde soziale Unterstützung, da Einsamkeitsgefühle aufkommen können, insbesondere in kritischen Lebenssituationen, Phasen des Umbruchs und der Veränderung wie Verlust- und Trennungserlebnisse.

 

Ebenfalls Risikofaktoren sind das Erleben von Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit, männliches Geschlecht und höheres Alter (für den vollzogenen Suizid) sowie chronische bzw. schwere körperliche Erkrankungen. 

 

Konkrete Anzeichen für das Vorliegen eines Suizidrisikos sind anhaltende Lebensüberdrüssigkeit und Sinnlosigkeitsgedanken, Wunsch nach Ruhe oder "einer Pause", Todesfantasien und passive Todeswünsche, Gedanken daran den eigenen Tod selbst herbeizuführen, konkrete Vorstellungen und Pläne wie dies realisierbar wäre, Suizidvorbereitungen und schließlich suizidale und selbstgefährdende Handlungen selbst. 

 

Das Ordnen persönlicher Angelegenheiten oder das Abschiednehmen können ebenfalls auf Suizidalität hinweisen.

 

Manchmal wirken Menschen nach Krisen oder depressiven Phasen auf die Umwelt plötzlich ruhiger und ausgeglichner, weniger verzweifelt - dies kann zum zuweilen trügerischen Schluss führen, der Betroffene sei auf dem Wege der Besserung. Die Veränderung kann jedoch auch Ausdruck einer sich einstellenden inneren Ruhe nach dem gefassten Entschluss zum Suizid sein. 

 

 

Wie kann man als Angehöriger oder Außenstehender im Allgemeinen einen Menschen mit Suizidrisiko unterstützten?

 

Jede Suizidankündigung muss ernst genommen werden! Es ist ein verbreiteter Irrtum, dass Menschen, die ankündigen, sich das Leben nehmen zu wollen, es nicht tun. 

Daher sollte keine suizidale Äußerung als harmlos verstanden werden. 

 

Allerdings sollte man auch nicht ängstlich oder "verschreckt" reagieren, sondern die Äußerung als Hilferuf verstehen. Suizidalität muss verstanden werden als Ausdruck einer Krise, in die ein Mensch geraten ist, weil die momentan zur Verfügung stehenden Bewältigungsmöglichkeiten den Belastungen nicht gewachsen sind (eine Ausnahme bildet Suizidalität im Rahmen von zum Beispiel akut psychotischem Erleben oder akuten Rauschzuständen; bei diesen psychiatrischen Notfällen sollte dringend unmittelbar eine psychiatrische Behandlung eingeleitet werden, siehe unten).

 

Der Wunsch zu sterben ist in aller Regel ein vorübergehender Zustand, der mit fachkundiger Hilfe überstanden werden kann, sodass nach der Krise neuer Lebensmut gefasst und neue Lösungsstrategien entwickelt werden können.

 

Wenn suizidale Äußerungen gemacht werden, sollte dem Betroffenen das Angebot gemacht werden, mit ihm gemeinsam professionelle Hilfe aufzusuchen. Der Betroffene sollte nicht alleine gelassen werden, eine konstante Bezugsperson muss da sein und darf nicht vom tatsächlichen Aufsuchen der professionellen Hilfe ablassen. Für diesen Moment muss die Bezugsperson die Verantwortungen für die Entscheidungen übernehmen, und zwar so lange bis professionelle Helfer zur Verfügung stehen. 

 

Wenn keine direkten suizidalen Äußerungen gemacht werden, Außenstehende aber den Verdacht hegen, dass Lebensüberdrüssigkeit besteht, sollte das Thema unbedingt angesprochen werden! Durch diesen sachlich-aktiven Umgang mit der Problematik fühlen sich Betroffene in der Regel erleichtert. 

 

 

Wo professionelle Hilfe aufsuchen?

 

Im akuten Notfall, also bei direkten und konkreten Äußerungen einer Suizidabsicht, wenden Sie sich an den Notarzt unter der Rufnummer 112 oder suchen Sie mit dem Betroffenen zusammen die nächstgelegenen psychiatrische Klinik auf (wo diese zu finden ist, kann ebenfalls die Rettungsleitstelle unter der Rufnummer 112 mitteilen). 

 

Diese Notfallmaßnahme sollte unbedingt auch dann ergriffen werden, wenn jemand im Rahmen einer Psychose zum Beispiel unter akuten Verfolgungsängsten oder Stimmenhören leidet und sich vor diesem Hintergrund zu suizidalen Handlungen getrieben fühlen könnte. 

Ähnliche Notfälle können im Zusammenhang mit exzessivem Alkoholkonsum oder Drogenmissbrauch entstehen.

 

Eine unmittelbare Unterstützung für Betroffene und Angehörige bietet die Telefonseelsorge, die bundesweit einheitlich und kostenfrei unter der Rufnummer 0800 - 111 0 111 oder 0800 - 111 0 222  sowie im Internet unter www.telefonseelsorge.de zu erreichen ist. 

 

Beratungsmöglichkeiten bietet auch der Sozialpsychiatrische Dienst, der an das städtische Gesundheitsamt angegliedert ist, in Berlin zu erreichen unter der Rufnummer 030 - 901 855 00.

 

Weitere Hilfen für Betroffene und Angehörige im Internet: 

 

 

Psychotherapeuten und Psychiater können suizidgefährdete Menschen in der Krise im Rahmen einer Krisenintervention auffangen, stützen und begleiten. Wenn der krisenhafte Zustand überstanden ist, sind Betroffene im Allgemeinen wieder in der Lage, alternative Wege in Betracht zu ziehen und Perspektiven zu entwickeln.

 

Im Weiteren sollten im Rahmen einer Psychotherapie die Bedingungsfaktoren für die Entwicklung der Suizidalität identifiziert und bearbeitet werden. Konkrete Problemlösungen für Belastungen werden gemeinsam hergeleitet und erprobt, generell hilfreiche und stabilisierende Verhaltensweisen entwickelt und zu Eigen gemacht. 

 

Falls die Suizidalität auf dem Boden einer psychischen Störung wie zum Beispiel einer affektiven oder Angststörung entstanden sein sollte, sollte diese spezifisch behandelt werden.