So bin ich halt.

Persönlichkeit

Ob und wie wir erfüllende Freundschaften und Beziehungen gestalten und erhalten können, wer unser Freund oder unser Partner wird, welchem Beruf wir nachgehen und ob unsere Arbeit uns und andere befriedigt, wie viel wir worüber streiten, in welchen Momenten unser Herz höher schlägt, was uns am meisten erfreut und am tiefsten verletzt, was uns entspannt und was uns aufregt, all das hängt nicht nur von situativen Bedingungen, momentanen Umständen, Zufällen, Befindlichkeiten und Gesundheit oder Krankheit ab. Wie überall in der Natur ergibt sich in der Gesamtheit aller Augenblicke eines einzelnen Lebens ein Muster, ein Zusammenlaufen der Fäden. 


So vielfältig und bis heute heuristisch geblieben die psychologischen Definitionen und Konzepte der Persönlichkeit auch sind, sie alle betonen die Struktur und Organisiertheit der Merkmale, die eine Person ausmachen: Gedanken, Gefühle, Verhaltensweisen, Vorlieben, Abneigungen, Einstellungen, Wünsche, Bedürfnisse, Prinzipien und Ziele werden als innerhalb einer Person aufeinander bezogen verstanden, wie aus einem gemeinsamen inneren Kern sich speisend, der einzigartig ist und durch seine spezifischen Äußerungsformen jeden Menschen von allen anderen unterscheidet. So definiert Lawrence A. Pervin Persönlichkeit als "die komplexe Organisation von Kognitionen, Emotionen und Verhalten, die dem Leben der Person Richtung und Zusammenhang gibt", und auch Hermann Hobmair sieht Persönlichkeit als organisierte Summe einzelner Teile an: "Persönlichkeitsmerkmale stehen in einer bestimmten Anordnung zu einander. Die Kombination und der Ausbildungsgrad der einzelnen Merkmale machen die jeweils einzigartige und spezifische Struktur der Persönlichkeit eines Menschen aus"(Hermann Hobmair, 1997). Einfacher und doch im Gleichklang mit Persönlichkeitspsychologen schrieb der deutsche Schriftsteller Robert Musil, "Eine Persönlichkeit ist der Ausgangspunkt und Fluchtpunkt alles dessen, was gesagt wird, und dessen, wie es gesagt wird."


Persönlichkeitsstruktur

Neben der Annahme der individuellen Organisiertheit einzelner Merkmale, sind nach heutigem Verständnis zwei weitere Aspekte von Persönlichkeit von entscheidender Bedeutung. Zum einen wird die Persönlichkeitsstruktur neben gewissen genetisch vermittelten Veranlagungen ganz wesentlich auch durch Lernerfahrungen mit beeinflusst und ist ab dem frühen Erwachsenenalter zwar relativ stabil, aber durchaus zeitlebens in bestimmtem Maße veränderbar. Zum anderen bestimmt neben der Art auch die Stärke der Ausprägung bestimmter Merkmale, ob die Persönlichkeitsstruktur, der 'innere Kern', wie steinig oder sanft unser Weg durchs Leben führt und welche Achillesferse uns immer wieder schmerzt oder gar zu Fall bringt. 

Wenn er auch nicht immer bewusst beschrieben werden kann, so haben doch die meisten Menschen eine Ahnung davon, dass es diesen inneren Kern, den Ausgangs- und Fluchtpunkt alles dessen was gesagt und getan wird, gibt. Diese Ahnung drückt sich im viel (und nicht immer gern) gehörten "So bin ich halt" aus. Nicht selten hat dieser Satz in einer engen Beziehung zu einem Menschen den einen oder anderen Leser möglicherweise schon zum Verzweifeln gebracht. Ist er doch dem bisher Gesagten zufolge einerseits nicht völlig unberechtigt, andererseits jedoch auch ein Totschlagargument, wenn es um gemeinsame Entwicklung und Veränderung mit einem Menschen geht, der uns am Herzen liegt. Dessen innerer Kern uns am Herzen liegt, dessen konkrete Verhaltensweisen uns und die Person selbst jedoch schädigen und bestimmte Perspektiven unerreichbar scheinen lassen.


Sein Leben neu erfinden

Tatsächlich sind bestimmte Aspekte der Persönlichkeit wohl kaum veränderbar. Unsere Hardware sozusagen. Nehmen wir eine Persönlichkeitseigenschaft als Beispiel, die bei jedem Menschen in bestimmter Ausprägung vorhanden und deshalb jedem Menschen näherungsweise vertraut ist: wie introvertiert oder extravertiert wir sind. Die Ausprägung dieser Eigenschaft bestimmt, wie gesellig, abenteuerlustig, risikofreudig, aktiv und ausdrucksstark ein Mensch grundsätzlich ist. Von dieser Eigenschaft ist vergleichsweise gut bekannt, mit welchen (höchstwahrscheinlich vererbten) physiologischen Eigenheiten sie zusammenhängt beziehungsweise auf diese zurückgeht. Es ist davon auszugehen, dass introvertierte Menschen hinsichtlich des Botenstoffs Dopamin besonders sensibel sind. Das Dopamin ist als zentraler Überträgerstoff des sogenannten Belohnungszentrums unseres Gehirns unter anderem für das Erleben von Stimulation und Aufregung durch Umgebungsreize von Bedeutung. Das bedeutet, dass introvertierte Menschen relativ wenig äußere Reize brauchen, um nicht gelangweilt zu sein. Auf der anderen Seite sind sie in reizstarken Situationen schnell überstimuliert - vergleichbar mit unangenehmer Reizüberflutung bei unglücklich dosierter Einnahme dopaminanregender Substanzen wie Amphetaminen. Extravertierte Menschen hingegen brauchen das Neuartige, das Aufregende, neue Kontakte und Aufgaben, Abenteuer und Partys, um sich wohlzufühlen. 

In dieser Hinsicht besteht nach allem was heute bekannt ist wenig Veränderungsspielraum. 


Im Hinblick auf stärker gelernte Verhaltens- und Erlebensmuster hingegen, ist Veränderung durchaus möglich. Dies gilt insbesondere für charakteristische Muster in der Gestaltung zwischenmenschlicher Beziehungen - falls diese wiederkehrend zu Konflikten und Beziehungsabbrüchen beitragen sollten. Hier handelt es sich nämlich recht häufig um Muster, die in Kindheit und Jugend im Kontakt mit Eltern und Gleichaltrigen als Bewältigungsreaktion auf eher schädigende Beziehungserfahrungen gelernt wurden, um sich vor diesen zu schützen. Dies kann zum Beispiel die Neigung sein, sich einem späteren Beziehungspartner emotional nicht zu öffnen, keine längerfristig angelegten Bindungen einzugehen, Partner oder Freunde ungerechtfertigt zu kritisieren und abzuwerten oder eigene Bedürfnisse denen aller wichtigen Bezugspersonen bedingungslos unterzuordnen. Zwar können auch diese Muster ähnlich fest verwurzelt sein wie die 'physiologische Hardware' eines Menschen, sind aber grundsätzlich veränderbar. Eine solche Veränderung setzt jedoch voraus, dass man sich irgendwann aktiv dafür entscheidet, sich in bestimmten ganz konkreten Aspekten und konkreten Situationen anders zu verhalten als es bisher automatisch geschehen ist. Ein Software-Update durchzuführen - wenn nicht gar das Betriebssystem neu aufzuspielen. Dieser Weg ist nicht immer einfach und häufig lang, Jeffrey Young, der Begründer der Schematherapie, die Menschen auf diesem Weg zu unterstützen versucht, spricht so trefflich davon sein Leben neu zu erfinden ("Reinventing your life"). Ein großes, aber zweifelsohne für viele Menschen lohnenswertes Projekt. 


In diesem Sinne - zur Untermauerung der Botschaft des Miteinanders vom einzigartigen und überdauernden Kern und der Veränderbarkeit der Persönlichkeit - noch einmal Robert Musil: "Jeder Mensch hat seinen Gegenmenschen in sich".

 

 

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