Mo

23

Jan

2012

Radikale Akzeptanz

Radikale Akzeptanz ist das Gegenteil von Wollen.

Es ist die Bereitschaft, darauf zu verzichten, sich gegen Schmerz und ungewollte Ereignisse real oder auch gedanklich aufzulehnen, sie zu bekämpfen oder auch nur irgendwie verändern zu wollen. Das hier dargestellte Verständnis radikaler Akzeptanz basiert auf einem spirituell aus dem Zen-Buddhismus inspirierten therapeutischen Ansatz, der dialektisch-behavioralen Therapie nach Marsha Linehan. Ungeachetet der Entwicklung dieser Therapie für Menschen mit speziellen psychischen Problemen, kann das Konzept auch zur Reflexion der eigenen Umgangsweise mit Stress und Belastung anregen.

Wenn mir die Bahn vor der Nase wegfährt, wird es dann wirklich besser, wenn ich mich in den zehn Minuten bis die nächste Bahn kommt über die verpasste aufrege? Was bringt der Ärger über die verschüttete Milch? Das Annehmen dessen, was ich nicht ändern kann, kann uns im Großen wie im Kleinen das größte Leid ersparen. 

 

Radikale Akzeptanz ermöglicht das Erfahren und Erleben dessen was gerade ist, so wie es eben ist, inklusive der eigenen Reaktion darauf. Eine solche Haltung ist notwendig, wenn wir vor einem Problem stehen, das eben nicht gelöst werden kann, eine Situation eben nicht veränderbar ist. Weil ein Ereignis zum Beispiel bereits stattgefunden hat oder unabänderliche Konsequenzen zur Folge hatte. 


Eine eigene chronische Erkrankung oder die chronische Erkrankung eines nahestehenden Menschen ist ein sehr belastendes Ereignis. Es führt zu Schmerz und Angst. Die Erkrankung liegt vor, man muss langfristig behandelt werden. Das ist erstmal nicht veränderlich. Das ist so. Und sie führt zu emotionalem Schmerz. Das ist so. 

 

Die Erfahrung von Gewalt oder Vernachlässigung in der Kindheit oder zu einem späteren Zeitpunkt ist eine große Belastung, die emotionale Spuren hinterlässt und das spätere Leben beeinträchtigen kann, zum Beispiel durch belastende Erinnerungen an das Ereignis oder Schwierigkeiten damit, Vertrauen zu anderen Menschen zu entwickeln. Die Erfahrung hat stattgefunden, sie ist nicht mehr veränderlich. Das ist so. Und sie führt zu emotionalem Schmerz. Das ist so. 

 

Man trifft immer wieder auf Menschen, die in ihrem Leben etwas erreicht haben, was man selbst gern erreicht hätte, aus bestimmten Gründen aber nicht erreicht hat. Manche Menschen sind attraktiver, klüger, unterhaltsamer oder gelassener als man selbst. Das ist so. Die Wahrnehmung all dessen führt manchmal zu einem Gefühl von Enttäuschung oder Traurigkeit. Das ist so. 

 

Die Akzeptanz dieser Umstände und Zustände ist eine Voraussetzung dafür, den damit verbundenen Schmerz zu überwinden - insbesondere dann, wenn man zu besonders impulsiven und intensiven gedanklichen, emotionalen und realen Reaktionen neigt. 

 

Was ist der Unterschied zwischen Schmerz und Leid? 

Schmerz gehört zum Leben wie Freude, Angst, Essen, Trinken, Atmen und Schlafen und kann nicht immer vermieden werden. Im Gegenteil, manchmal müssen unangenehme Gefühle durchlebt werden, da manche Situationen sich eben nicht verändern lassen (weil die Ereignisse, die zu der Situation führten z.B. in der Vergangenheit liegen). Versuchen wir Schmerzen zu vermeiden und zu verdrängen, leiden wir oft noch mehr und noch länger darunter. Schmerz ist in vielen Situationen eine normale und gesunde Reaktion und muss gelebt werden. 

Leid hingegen resultiert aus dem Vermeiden und nicht-akzeptieren von Schmerz. Es entsteht, wenn ich mich an das klammere, was ich will und mich weigere  anzunehmen, was ich habe. Leid ist leidvoller als Schmerz, es hemmt und beeinträchtigt alles Tun - und es scheint endlos. 

 

Zu lernen, unangenehme Ereignisse und Gefühle zu ertragen, solange sich die Umstände nicht verändern lassen, versetzt uns in die Lage, Schmerz zu überwinden. 

All das bezieht sich nur auf schmerzhafte Situationen, die im Augenblick (oder dauerhaft) unveränderbar sind. Und bedeutet nicht, sich passiv zu ergeben und duldsam abzuwarten. Es geht vielmehr darum, durch das Aufgeben von Kampf und Weigerung Energie zu sparen, die später zur Problembewältigung notwendig ist - wobei Problembewältigung manchmal nur ein Umgang mit einer Situation sein kann, die wir uns anders gewünscht hätten, nicht das Verändern der Situation selbst. Manchmal ist das Annehmen auch bereits Bewältigung - dies verdeutlicht das Bild von einem Menschen, der in Treibsand geraten ist. Solange er rudert und paddelt und kämpft, wird es ihn tiefer in den Treibsand ziehen. Bewahrt er Ruhe und streckt sich auf der Oberfläche des Treibsands breit aus, wird er nicht versinken. 

 

 

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